Ein Ranger zwischen Emotion, Verantwortung und Realität im Wald
Ein regnerischer Tag, der mir viel klar gemacht hat
Jedes Jahr im November bin ich als Treiber mit der Jagdgesellschaft Weissenstein unterwegs. Der letzte Jagdtag der Saison. Und ehrlich: Schon beim Treffpunkt im Leewald dachte ich mir – wer macht sowas freiwillig?
Nass, kalt, nur 3 Grad. Brombeeren, in die man bis zum Oberschenkel versinkt. Rutschige Hänge, an denen man mit jedem Schritt kämpft.
Treibjagd ist null Romantik.
Und trotzdem: Es ist ein gemeinsames Arbeiten im Wald.
Es ist ein Teil unserer Verantwortung – meiner Verantwortung – für diesen Lebensraum.

Warum ich als Ranger überhaupt dabei bin
Ich stehe fast täglich im Wald. Ich sehe Bäumchen, die wir brauchen – für die Zukunft, für den Klimawandel. Und ich sehe genauso, wie Rehe diese Pflanzen lieben und sie oft schneller wegknabbern, als wir „Naturverjüngung“ sagen können.
Ich weiss also:
Wenn wir nicht regulieren, frisst uns das Wild die Zukunft weg.
Die Jagd ist nicht einfach Tradition.
Sie ist Teil eines Werkzeugkastens, der unseren Wald am Leben hält.

Foto: Wildverbiss Weisstanne
Und: Ich vertraue lieber darauf, mit Jägern zusammenzuarbeiten, als später hilflos im Wald zu stehen und zuzusehen, wie ganze Generationen junger Bäume verschwinden.
Treibjagd im Dauerwald – ich habe den Zielkonflikt am eigenen Körper gespürt
Naturnahe Waldwirtschaft = richtig.
Dauerwald mit Struktur und Dickung = richtig.
Aber: Treibjagd in solchen Strukturen = harte Realität.
Was die Forschung sagt – sehe ich im Gelände live bestätigt.
Wild hat hier Deckung ohne Ende.
Wir Treiber kämpfen uns ab, und die Rehe denken nur: „Danke für die Massage!“
Es zeigt sich:
Waldökologie und Treibjagd passen nicht immer reibungslos zusammen.
Aber genau deshalb braucht es uns alle an einem Tisch:
Jäger, Förster, Ranger – und Prädatoren.

Luchs oben, Reh unten – und die Menschen dazwischen
Bei uns am Berg ist der Luchs zurück.
Und ja – ich merke das.
Rehe sind vorsichtiger, sie stehen weniger lange, der Verbissdruck hat abgenommen.
Ich finde das beeindruckend und schön.
Der Wald dankt es, leise aber sichtbar.
Ganz anders auf der anderen Aareseite – z. B. im Revier Biberist:
Flachere Wälder, dichter bei Menschen → deutlich mehr Rehe → deutlich mehr Verbiss.
Und dann ist da noch der Rothirsch, der gerade erst so richtig bei uns angekommen ist.
Ein elegantes, aber hungriges Kraftpaket – und wenn er loslegt,
kommt selbst das Reh nicht mehr hinterher.
Ich sage das als jemand, der Raubtiere liebt:
Der Wolf wäre ein toller Gegenspieler.
Aber die Gesellschaft ist dazu noch nicht bereit.
Zwischen Angst, romantischer Vorstellung und politischem Schlagabtausch verliert sich oft die einfache Wahrheit:
Wir müssen Verantwortung tragen – nicht Ideale allein.
Was mich bei dieser Jagd berührt hat
Ich habe gesehen:
✔ Achtung vor dem Tier
✔ Konzentration, kein Übermut
✔ Sicherheitskultur statt Heldentum
✔ Gemeinsame Verantwortung statt Jagd als Event
Und:
Die meisten Jäger sind keine Draufgänger.
Sie sind Menschen, die diesen Wald kennen und lieben — auf ihre Art.
Aber ich habe auch gesehen:
– Eine männerdominierte Tradition
– Viele ältere Semester
– wenig Nachwuchs
Wenn die Jagd Zukunft haben soll,
dann muss sie sich bewegen – offener werden, erklärender, einladender.
Auch da sehe ich mich als Ranger in der Pflicht.
Mein Fazit
Ich werde weiter an Treibjagden teilnehmen.
Nicht, weil ich das Erlegen des Tiers in den Mittelpunkt stelle.
Nicht, weil ich Tradition blind folge.
Sondern weil ich für den Wald arbeite.
Für unsere Zukunft.
Für eine Verantwortung, die nicht nur schwarz oder weiss ist.
Treibjagd ist kein Problem.
Treibjagd ist eine Antwort — auf ein Problem.
Vielleicht nicht die perfekte.
Aber eine notwendige.
Solange wir gemeinsam daran arbeiten, sie gut zu machen.
