Unter Araukarien und Villarrica-Schnee: Ein Sommertag im Huerquehue

9. Jan. 2026 | Allgemein, Daniel Lopez

Unter Araukarien und Villarrica-Schnee: Ein Sommertag im Huerquehue, Chile

07. Januar. Nationalpark Huerquehue. Sommerhitze, klare Luft – und dieses Gefühl, dass die Zeit hier anders läuft. Bevor wir überhaupt einen Schritt auf den Trail machen dürfen, stehen wir zuerst bei den Ranger:innen am Eingang.

Da liegt ein Logbuch bereit. Namen, Route, ungefähre Rückkehrzeit. Kein Bürokratie-Showprogramm, sondern ganz pragmatische Bergrealität: Wenn du abends nicht zurück bist, weiss jemand, wo du ungefähr bist – und dass am nächsten Tag jemand loszieht, um dich zu suchen. Dieses kleine Ritual hat mich beeindruckt. Es macht den Park nicht strenger – sondern menschlicher.


Park-Ranger bei der Erklärung des Parks

Und dann passiert etwas, das für mich persönlich richtig schön ist: Ich wechsle mit den Ranger:innen ein paar Worte auf Spanisch – meiner Muttersprache. Es ist nur ein kurzes Gespräch, aber es fühlt sich an wie ein Ankommen. Nicht nur als Besucher, sondern als jemand, der das Ranger-Denken kennt: Verantwortung, Sicherheit, Natur – und oft viel mehr Arbeit, als man von aussen sieht.

Erst unscheinbar – dann kommen die Giganten

Die Wanderung beginnt am Lago Tinquilco. Die ersten Meter sind botanisch noch nicht „Wow“. Wald halt. Boden, Schatten, ein Weg, der sich langsam nach oben zieht. Aber nach etwa 2 Kilometern verändert sich etwas: Das Unterholz wird lockerer, die Struktur des Waldes öffnet sich – und du spürst, dass hier oben andere Dimensionen warten.

Als Ranger bin ich oft im “Beobachtungsmodus”. Und als Forstwart sowieso: grosse Bäume sind für mich nicht nur schön – sie sind eine Art lebendige Biografie. Wachstum, Standort, Konkurrenz, Wind, Regen, Zeit. Und plötzlich stehen sie da.


Araukarien-Wald

Araukarien: wenn ein Baum wie ein Zeitalter wirkt

Da, wo die Sonne durch die Kronen bricht, wächst die Chilenische Araukarie (Araucaria araucana). Diese Baumriesen sind nicht einfach hoch – sie sind uralt. Teil einer Baumlinie, die über 90 Millionen Jahre alt ist und längst vergangene Erdzeitalter überstanden hat. Ihre enorm dicke Rinde lässt sie Feuer, Vulkanausbrüche und schwankende Klimasphasen überdauern.

Das macht sie zu lebenden Zeugen der Erdgeschichte. (Quellen: chile.travel, chilebosque.cl)

In Chile nennt man sie Pehuén – und wenn du darunter stehst, verstehst du schnell warum: Ihre Präsenz wirkt archaisch, fast wie ein stilles Flüstern aus einer Zeit, in der noch keine Menschen diesen Boden betraten.

Für mich als Ranger und Forstwart ist das nicht nur Botanik – das ist Faszination pur. Diese Bäume sind nicht einfach gross … sie sind Monumente des Lebens. Und wenn ich meine Hände über die raue Rinde gleiten lasse, fühle ich Ehrfurcht – nicht nur als Naturfreund, sondern als jemand, der gelernt hat, respektvoll zuzuhören.


Eine 3-Meter-Durchmesser Araukarie

Coigüe: das grüne Dach, das Feuchtigkeit hält

Zwischen den Araukarien tauchten immer wieder Coigüe auf. Und auch sie sind keine kleinen Begleiter – das sind riesige Geschöpfe, kräftig, ausladend, mit mächtigen Kronen. Für mich als Forstwart sind genau diese Bäume faszinierend: Sie bilden ein dichtes, grünes Dach, halten Feuchtigkeit im Wald und schaffen ein ganz eigenes Klima darunter. Man spürt sofort, dass hier nicht nur einzelne Bäume stehen, sondern ein funktionierendes System.


Eine mächtige Coigüe

An den Stämmen zeigt sich das besonders eindrücklich. Moose und Flechten überziehen die Rinde, an manchen Stellen hängen sie in dichten Büscheln von den Ästen – fast wie lange, graugrüne Bärte. Ich musste immer wieder stehen bleiben und genauer hinschauen. Solche Bilder kenne ich aus feuchten, regenreichen Gegenden – und genau dafür ist dieser Teil Südchiles bekannt.

Als Wetterfreund war ich deshalb besonders aufmerksam, als mir einer der Ranger beim Eintragen ins Logbuch sagte:

„Dieser Sommer ist erstaunlich trocken.“

Das blieb bei mir hängen. Nicht dramatisch, nicht alarmierend – eher eine nüchterne Feststellung. Und doch denkt man sofort weiter: Diese Wälder sind auf Feuchtigkeit ausgelegt. Moose und Flechten leben davon, sie nehmen Wasser direkt aus der Luft auf. Wenn es lange trocken ist, ziehen sie sich zurück, wirken matter, fast leblos – und warten geduldig auf den nächsten Regen.

Gerade deshalb war es umso beeindruckender zu sehen, wie präsent sie trotzdem noch waren. Ein stiller Hinweis darauf, wie gut diese Lebensgemeinschaft an ihre Umwelt angepasst ist – und wie sensibel sie gleichzeitig reagiert.


Bartflechten

Der Soundtrack läuft die ganze Zeit mit

Während wir höher steigen, läuft im Hintergrund der Soundtrack des Waldes: Rascheln im Laub, Wind in den Kronen – und immer wieder Vogelstimmen. Der offensichtlichste Star für mich war der Strichelkopfspecht. Man hört ihn nicht nur – man spürt ihn, weil das Trommeln und Rufen durch den Wald trägt und sofort Orientierung gibt: Da lebt jemand, der hier zuhause ist.

Und genau solche Momente machen einen Trail lebendig. Du siehst nicht nur Landschaft – du merkst, dass du durch ein bewohntes System gehst.

Oben: 360°-Kino – und Villarrica stiehlt die Show

Nach 8 km und etwa 1500 Höhenmetern stehen wir auf 1905 m ü. M. – und plötzlich ist alles weit. Seen, Lagunen, eine 360°-Aussicht, mehrere Vulkane am Horizont.

Aber der, der mich am meisten packt, ist der Villarrica: nah genug, klar genug, einfach diese perfekte Vulkanform – und oben der Schnee, wie ein heller Zipfel auf einer dunklen Pyramide. So ein Berg wirkt nicht wie Teil einer Kulisse. Er wirkt wie ein eigenes Wesen.


Links: Vulkan Quetruepillán | Rechts: Vulkan Villarrica

Zu wenig Ranger – und warum das Logbuch plötzlich noch mehr Bedeutung bekommt

Das Gespräch am Eingang hatte noch einen zweiten Ton: Personal, Ressourcen, Realität. In Chile wird immer wieder thematisiert, dass im System der Schutzgebiete mehr Guardaparques nötig wären – Schätzungen sprechen von etwa 1.500 zusätzlichen Ranger:innen, um die Flächen ausreichend zu betreuen. (Quelle: Ladera Sur)

Und ja: CONAF veröffentlicht laufend Stellenausschreibungen, was zeigt, dass gesucht wird – quer über Rollen und Regionen. Zu Löhnen findet man in aktuellen Medien immer wieder Beispiele bis in den Bereich von bis zu 1,5 Mio. CLP – rund 1’350 CHF (je nach Stelle/Profil (Quelle: Chilevisión)

Ich erwähne das nicht, um die Wanderung „politisch“ zu machen – sondern weil es zu diesem Moment passt: Du schreibst dich ins Logbuch ein, weil Sicherheit hier nicht abstrakt ist. Und gleichzeitig steht da ein Team, das mit begrenzten Ressourcen einen riesigen Auftrag trägt.


Blick auf die Laguna San Manuel

Ruta 5: Plantagen-Realität – und warum Schutzgebiete sich anders anfühlen

Auf unserer Reise sind wir auf der Ruta 5 durch eine andere Welt gefahren: Hektarweise Plantagen – Eukalyptus, Douglasien, amerikanische Föhren. Forstwirtschaft im grossen Stil. Effizient, geradlinig, wirtschaftlich.

Und dann steigst du in Huerquehue aus dem Auto, gehst in den Wald – und plötzlich ist alles wieder vielfältig, unregelmässig, alt. Hier dürfen Araukarien und Coigüe nicht nur wachsen, sondern alt werden. Und das ist vielleicht der grösste Luxus, den ein Wald haben kann.

Ich komme wieder

Am Ende des Tages bleibt dieses Gefühl: Die Zeit hier rast. Zu schnell. Vielleicht, weil so viel passiert, ohne dass es laut ist. Vielleicht, weil man ständig schaut, hört, staunt.

Ich weiss nur: Ich werde wiederkommen. In diese Region. Zu diesen Bäumen. Zu diesem Blick auf den Villarrica. Und ganz ehrlich: Auch ein bisschen zu diesem Logbuch – weil es mich daran erinnert, warum Rangerarbeit überall auf der Welt zählt.


nochmals Blick in die Höhe